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Anaphylaxie – ein
unterschätztes Krankheitsbild
Schulung kann vor tödlichem Allergieschock
schützen
Menschen mit einer Allergie auf Insektengifte,
Nahrungsmittel oder Medikamente leben in der
ständigen Gefahr, einen allergischen Schock (Anaphylaxie)
zu erleiden. Schon Spuren des für sie
gefährlichen Allergieauslösers können Atemnot
oder einen Kreislaufzusammenbruch auslösen.
Untersuchungen aus England zeigen, dass Erdnüsse
oder Baumnüsse die Ursache von etwa zwei Drittel
aller Anaphylaxie-Fälle sind.1
An einer Baum-
und Erdnussallergie leiden auch Kinder häufig.
„Jedes zehnte Kind in Deutschland reagiert im
Allergietest positiv auf Erdnuss“, berichtet der
Kölner Kinder- und Jugendarzt Dr. Ernst Rietschel von der Gesellschaft für Pädiatrische
Allergologie und Umweltmedizin (GPA). „Eine
Nussallergie ist sehr gefährlich, weil bereits
Allergenmengen von weniger als ein Gramm fatale
allergische Reaktionen auslösen können.“
Personen mit Anaphylaxiegefahr müssen laut
Rietschel unbedingt darin geschult werden, den
für sie gefährlichen Auslöser zu meiden und sich
im Notfall richtig zu verhalten. Für
Risikopatienten entwickeln die allergologischen
Fachgesellschaften derzeit ein entsprechendes
Schulungsprogramm.
„Erste Pilotschulungen werden
in Kürze an Allergiezentren in Berlin, Köln,
München und Gießen stattfinden“, sagt
Kinderallergologe Rietschel, der das Projekt mit
betreut. „Langfristig müssen die Schulungen
dringend bundesweit etabliert werden, denn der
richtige Umgang mit anaphylaktischen Reaktionen
kann den Patienten das Leben retten.“
Eine Anaphylaxie ist ein absoluter Notfall, der
durch Ersticken oder einen
Kreislaufzusammenbruch tödlich enden kann. Zu
den Alarmzeichen gehören Juckreiz, Brennen und
Schwellungen von Haut, Zunge, Rachen und Lippen,
Heiserkeit, Engegefühl im Hals, Luftnot,
Erbrechen, Durchfall, heftige Bauchschmerzen,
Schwindel, Kreislaufprobleme und Blässe.
„Meistens treten die Beschwerden bereits kurze
Zeit nach dem Verzehr des fraglichen
Lebensmittels auf“, erklärt Rietschel. Zwischen
dem Essen des Auslösers und einem
anaphylaktischen Schock vergehen bei
Nahrungsmittel-Allergikern etwa 30 Minuten.
Insektengift-Allergiker haben durchschnittlich
12 Minuten nach dem Stich erste Beschwerden. Bei
einer Allergie auf Medikamente können bereits
innerhalb von fünf Minuten anaphylaktische
Symptome auftreten. „Gefährdete Personen müssen
ständig Notfallmedikamente bei sich tragen und
darin geschult sein, diese richtig anzuwenden.
Außerdem sollte bei den ersten Alarmzeichen
unverzüglich ein Notarzt gerufen werden“, rät
Rietschel.
Optimale Allergie- und Asthmatherapie ist
lebenswichtig
Mehr als zwei Drittel aller Todesfälle aufgrund
einer Insektengift-Allergie und vier Fünftel
derjenigen, die wegen einer
Medikamenten-Allergie sterben, hatten zuvor
keine Anzeichen ihrer Allergie. Dagegen treten
bei einer Nahrungsmittel-Allergie meistens schon
bei früherem Kontakt mit dem Allergieauslöser
allergische Reaktionen auf.1
Anaphylaktische
Reaktionen sind sehr schwer vorhersehbar. Wenn
bereits einmal eine systemische allergische
Reaktion aufgetreten ist, muss daher bei einem
allergologisch ausgebildeten Facharzt die
Ursache festgestellt und Möglichkeiten zur
Meidung des Auslösers besprochen werden. „Der
Allergologe wird außerdem Medikamente für den
Notfall verordnen und über andere Maßnahmen
entscheiden, die das Risiko für Allergieschocks
senken. So ist für Nahrungsmittel-Allergiker,
die gleichzeitig an Asthma leiden, eine optimale
Asthmatherapie sehr wichtig und
Insektengift-Allergiker müssen auf jeden Fall
mit einer spezifischen Immuntherapie behandelt
werden“, sagt Rietschel.
Eine fachärztliche Behandlung kann die Gefahr
allergischer Schocks senken, doch erhalten viele
Betroffene keine ausreichende Diagnostik und
Behandlung. Frau Monika Milewski, Professor
Bernhard Przybilla und Privatdozentin Franziska
Ruëff untersuchten die Krankengeschichte von 306
Patienten, die im Jahr 2006 aufgrund einer
Anaphylaxie in der Hautklinik der
Ludwig-Maximilians-Universität München behandelt
wurden. 101 der Betroffenen hatte bereits zuvor
eine schwere anaphylaktische Reaktion erlitten.
Als Ursache für die erneute Anaphylaxie stellten
die Allergologen aus München bei den meisten
dieser Patienten eine unterlassene oder zu späte
Diagnostik oder eine unterlassene spezifische
Immuntherapie mit Insektengift fest.2
„Anaphylaxie
ist ein völlig unterschätztes Krankheitsbild“,
warnt die Allergologin Franziska Ruëff. „Von 100
Menschen erleidet einer mindestens einmal in
seinem Leben einen allergischen Schock. Dieses
Risiko ist höher, als den Betroffenen bewusst
ist.“
1 Pumphrey R: Anaphylaxis: can we tell who is at
risk of a fatal reaction? Curr Opin Allergy Clin
Immunol, 2004;4:285-290.
2 Milewski M, Przybilla B, Ruëff F: Gefährdung
durch wiederholte Anaphylaxie. 2008 in press.
zum Thema
Insektengiftallergie
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